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Paul Humburg

Als sich der Rat der Bekennenden Kirche im Rheinland 1934 gebildet hatte und für seine amtlichen Schreiben ein Siegel haben musste, schlug Pastor D. Paul Humburg ein Wort vor, das er einmal auf einem Grabstein in den Niederlanden gelesen hatte: „Teneo, quia teneor“ (Ich halte durch, weil ich gehalten werde). Dieses Wort galt nicht nur für die Bekennende Kirche in den schweren Zeiten des Kirchenkampfes im Nationalsozialismus, sondern es steht auch über dem Leben von Paul Humburg, diesem unerschrockenen und treuen Zeugen der freien Gnade Gottes. In Anerkennung seiner Ver-dienste um die „Barmer Theologische Erklärung“ ist die Straße hinter der Gemarker Kirche nach ihm benannt.

Paul Humburg wurde am 22. April 1878 in Mülheim am Rhein, heute Kölner Stadtteil, als Sohn des Fabrikanten und Kaufmanns Otto Humburg geboren. Einen wesentlichen Einfluss übte seine Mutter auf seine spätere Entwicklung aus. Mit seinem Bruder Fritz, der später als Fabrikant in Barmen tätig war und eine Zeitlang das Amt eines Kirchmeisters in der reformierten Gemeinde Gemarke versah, besuchte Paul Humburg in seiner Jugend den Jungmännerverein, dessen Vorsitzender sein Vater war. Humburg sagte von dieser Zeit: „Uns Kindern wurde von vornherein eingeprägt, dass unsere Heimat bei denen sein müsste, die den Herrn Jesus lieben.“ Im Alter von 14 Jahren erfuhr er die ent-scheidende Wende seines Lebens.

Paul Humburg studierte in Halle, Erlangen und Bonn Theologie. Als er das Stipendium Berhardinum erhielt, konnte er in Utrecht/Niederland sein Studium fortsetzen. Diese Zeit ist für ihn besonders wich-tig gewesen, da er nicht nur fleißig studierte, sondern sich auch in der damals noch jungen Deutschen Christlichen Studentenvereinigung aktiv beteiligte. Er wurde schon als Student in den Vorstand ge-wählt, wo besonders Graf Eduard von Pückler einen großen Einfluss auf ihn ausübte. In den Sommer-ferien besuchte er London, um mit dem christlichen Leben in England bekannt zu werden. Nach sei-ner Vikariatszeit in Viersen und seiner Hilfspredigerzeit an der Christuskirche in der Gemeinde Unter-barmen wurde Humburg 1906 Pastor in der Gemeinde Dhünn bei Wermelskirchen. Es war die Heimat seiner väterlichen Vorfahren. Dort blieb er bis 1909. Mit aller Klarheit und Freudigkeit verkündete er das Evangelium. Als Prediger und Seelsorger machte er sich über Ortsgrenzen hinweg einen guten Namen. 1909 wählte ihn die reformierte Gemeinde in Elberfeld zu ihrem Pastor in den 5. Bezirk an der neuen Kirche. Die wöchentlichen Bibelstunden wurden so stark besucht, dass das Gemeindehaus „Nordwest“ gebaut werden musste. Humburg kümmerte sich um Alkoholgefährdete und hatte immer offene Ohren für gestrandete Menschen, die er manchmal von der Straße nach Hause mitbrachte.
Im Ersten Weltkrieg ging Paul Humburg als freiwilliger Prediger an die Ostfront, um letztlich 250 Sol-datenheime einzurichten, damit die abgelösten Soldaten Ruhe und Erholung finden konnten. Nach Kriegsende 1918 nahm Humburg eine einflussreiche Stellung ein, die im damaligen deutschen Heer einmalig gewesen ist. Höchste Kommandostellen schenkten ihm ihr Vertrauen. Die Leitung der Deut-schen Christlichen Studentenvereinigung hielt Humburg für den richtigen Mann, der Verständnis für die akademische Jugend hatte und ihr den Weg zum Heil in Jesus Christus zeigen konnte. So wurde er 1919 zum Generalsekretär der DCSV nach Berlin berufen. Er reiste von einer Universität zur ande-ren und half jungen Akademikern. Aus familiären Gründen ließ sich Humburg 1921 zum Bundeswart des Westdeutschen Jungmännerbundes wählen und zog nach Barmen. Das Wuppertal war schon immer seine geistliche Heimat gewesen.

Am 3. August 1919 verlieh die Theologische Fakultät der Universität in Bonn Paul Humburg die Würde eines Lizentiaten der Theologie. Am 5. Juni 1928 wurde der Doktor der Theologie ehrenhalber hinzu-gefügt.

Die Evangelisch-Reformierte Gemeinde Barmen-Gemarke wählte ihn 1929 zu ihrem Pastor. 51-jährig zog er mit seiner Familie in das Pfarrhaus in der Heinrich-Janssen-Straße 16. Den Gemeindedienst nahm er mit allen Aufgaben überzeugend und gerne wahr. Nach der Machtübernahme wollten die Nationalsozialisten um Adolf Hitler 1933 auch die Kirchen wie alle anderen Organisationen im Staat gleichschalten. Für die evangelischen Kirchen sollten die „Deutschen Christen“ das trojanische Pferd sein, durch das die neue Weltanschauung in die Kirchen eindringen wollte. Sie wussten sich mit groß-artigen Versprechungen zu tarnen und behaupten und betrieben Volksmission. Bald konnten die Na-zis nicht mehr verbergen, dass sie die Macht und Posten in den Gemeinden und in der ganzen evan-gelischen Kirche haben wollten. So standen die evangelischen Christen vor der Entscheidung: wollen wir bei dem Wort Gottes und dem Bekenntnis der Gemeinde bleiben, oder folgen wir dem Mann und Diktator, der die Kirche seiner nationalsozialistischen, heidnischen Weltanschauung unterwerfen will? Paul Humburg gehörte zu den Pastoren, die sogleich klar erkannten, dass es nur eine Entscheidung für Christus und sein Wort geben konnte. In Predigten, Ansprachen und Vorträgen sagte er mit aller Deutlichkeit, dass die Gemeinde sich durch die „DC“ nicht irre machen lassen dürfe. Manche, die bis dahin für entschiedene Bekenner Jesu Christi gehalten wurden, verfielen dem Bann und der Schwär-merei dieser Sekte. Der aus einer national eingestellten Familie stammende Humburg, der sich an-fänglich noch hatte von Hitler blenden lassen, widerstand und warnte! Deshalb wollten die Nazis die-sen unbequemen Mann loswerden. Der Gauobmann der „Deutschen Christen“ beurlaubte ihn schon 1933 und drohte mit Verhaftung. Humburg ließ sich nicht einschüchtern und tat weiter seinen Dienst. Der „Meister des Wortes“ predigte und redete, schrieb Bücher und Aufsätze für Broschüren.

Die erste freie reformierte Synode, zu der Abgeordnete aus ganz Deutschland Anfang Januar 1934 nach Gemarke gekommen waren, wählte Paul Humburg zu ihrem Vorsitzenden. Was er sagte, war von geistlicher Vollmacht getragen. In der ersten Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche vom 29. bis 31. Mai 1934 in der Gemeinde Gemarke ist die weltweit bekannt gewordene „Bar-mer Theologische Erklärung“ beschlossen worden. Humburg war dabei! Dass ihm auch die Gabe der Leitung einer so großen Versammlung verliehen war, wurde von seinen Brüdern dankbar anerkannt. Auf dem Rheinisch-Westfälischen Gemeindetag „Unter dem Wort“ am 18. März 1934 in der Dortmun-der Westfalenhalle sagte er vor 25.000 Zuhörern: „Jesus hat uns diesen Kampf verordnet, und wir setzten unsere Kraft und unser Leben dafür ein, dass die Botschaft rein und lauter erhalten bleibt: Er ist für alle gestorben.“ Im August 1934 wurde Humburg von der Rheinischen Bekenntnissynode zu ihrem Präses gewählt und blieb dabei Gemarker Pastor.

Die Leitung der Bekennenden Kirche ließ ihn immer mehr ins Blickfeld von Hitlers Geheimer Staatspo-lizei rücken. Verhöre, Hausdurchsuchungen und Verhaftungen musste er öfter sich ergehen lassen. Aufenthalte in Gefängnissen schwächten zwar seine Gesundheit, nicht aber seine Gewissheit, den rechten Weg zu gehen. Die aufsehenerregende Predigt vom 3. Mai 1936 in der Gemarker Kirche zur Sorge um die Jugend wurde in einer Auflage von 200.000 Exemplaren verbreitet und gilt als Mosaik-stein im Leben des Paul Humburg. Otto Dibelius, späterer Bischof von Berlin dazu: „Wir hatten ein unbegrenztes Vertrauen zu seiner seelsorgerlichen Vollmacht.“ Humburg zum geforderten bedin-gungslosen Bekenntnis der Hitlerjugend für ihren Führer: „Das Versprechen, ganz in der nationalso-zialistischen Bewegung aufzugehen , dem Führer und Reichsjugendführer Treue zu halten, unbeding-ten Gehorsam zu leisten und nie von Führer und Fahne abzufallen – eine solche Massenverpflichtung unmündiger Kinder ist eine Herabwürdigung des Eides und zugleich eine Vergewaltigung der Kinder. Das ist Knospenfrevel!“ Für diese Rede sollte Paul Humburg gerichtlich belangt werden. Er profitierte von einem Freund der Bekennenden Kirche im Reichsjustizministerium, der den Vorgang im Akten-berg immer wieder von oben nach unten legte.

Am Ende seines Leben rechnete Paul Humburg aus, dass er 38 Jahre im Wuppertal Dienst getan habe. Hier wuchsen seine Kinder heran, drei Söhne und drei Töchter. Eine vierte Tochter war bald nach ihrer Geburt in Berlin gestorben. Von seinen vielen Dienstreisen, während der er jungen Men-schen die frohe Botschaft bezeugte, kehrte er immer wieder glücklich in die familiären Arme zurück. In Barmen konnte er ausruhen und neue Kräfte sammeln. Oft zitierte er das Wort: „Ein ganzes Schiff voll jungen Lebens ist wohl ein altes Leben wert.“

Krankheit überschattete die letzten Lebensjahre. Paul Humburg musste am 1. Januar 1943 in den Ruhestand treten. Mit dem von einem Fliegerangriff am 30. Mai 1943 in Asche gelegten Pfarrhaus verlor er nicht nur seine persönliche Habe, sondern auch Manuskripte und Schriftwechsel. Auch seine Gemeinde Gemarke wurde schrecklich zerbombt. Er fand zunächst in Süddeutschland ein Unterkom-men und nahm wehmütig Ende August noch einmal Abschied vom Tal. Er reiste nach Ostfriesland, doch schließlich nahm ihn das Diakonissenmutterhaus in Detmold auf. Zu den schweren Leiden ge-hörte die Amputation des linken Beines und der Verlust des Augenlichtes. Schließlich verstarb er am 21. Mai 1945 und wurde am 31. Mai auf dem Friedhof an der Hugostraße beigesetzt. Bischof Hanns Lilje würdigte Dr. Paul Humburg so: „Er war ein Mann mit einer einzigartigen Verbindung von völlig natürlicher, freundlicher und fröhlicher Menschlichkeit mit einem biblischen Ernst, der vor Gottes An-gesicht wandelte.“

Literaturhinweis:
„Wuppertaler Biographien“, 13. Folge, Paul Humburg, Autor Robert Steiner, Born-Verlag, Wuppertal, 1977.


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