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Ein wohl klingender Name: Carl Duisberg

Der große Wirtschaftsführer und seine Kriegsschuld
Einige Jahre nach seiner Geburt am 8. November 1861 im Hause Heckinghauser Straße 58 äußerte Carl Duisberg selbstbewusst: „Ich will Chemiker werden!“ Und dass aus ihrem Sohn einmal etwas würde, wusste Mutter Wilhelmine wegen des Talentes ebenso früh. Der Sohn eines Bandwirkers besuchte die Oberrealschule in Barmen, die später seinen Namen erhielt, und arbeitete sich vom Chemiker bis zum Direktor des in Heckinghausen entstandenen Chemieriesen Bayer nach oben. Als Duisbergs Leben am 19. März 1935 endete, würdigte ihn die englische Zeitung „Times“, dass er „alles in allem als der größte Industrielle angesehen werden muss, den die Welt zur Zeit gehabt hat“.

Namensgebung
Als 1936 die Benennung der Oberrealschule nach einer nationalsozialistischen Parteigröße drohte, gelang Oberstudiendirektor Dr. Wilmanns eine Verhinderung. Er schlug den Namen einer den Nationalsozialisten zwar fern stehenden, international aber anerkannten Persönlichkeit vor, die mit der Schule verbunden ist: Carl Duisberg war Schüler der Oberrealschule und später ihr Förderer. So entstand am 4. Februar 1936 die „Carl-Duisberg-Oberrealschule“. Am 1. Oktober 1945 erhielt die nach dem Zweiten Weltkrieg wiedereröffnete Schule den Namen „Carl-Duisberg-Schule“. Am 6. September 1951 gab sich das mathematisch-naturwissenschaftliche Institut den Namen „Carl-Duisberg-Gymnasium“.

(Ent-) Würdigung
In Elberfeld zweigt die Duisbergstraße (ohne Vornamen) von der Friedrich-Bayer-Straße (mit Vornamen) ab – ein Ausdruck der Verbundenheit der beiden berühmtesten Personen des Bayer-Konzerns. In Leverkusen umschließt nahe am Bayer-Werk und auf Betriebsgelände der Carl-Duisberg-Park mit Gedenkstätte seine ehemalige Direktorenvilla. Im Stadtteil Wiesdorf befinden sich die Carl-Duisberg-Straße und ein gleichnamiger Platz, weil sich der zugezogene Bayer-Chef um Arbeiterwohnungen gekümmert hat. Im September ist an der Wupper-Mündung ein Bürgerantrag zur Aberkennung der Ehrenbürgerwürde und Umbenennung von Straße und Platz gescheitert, weil mit dem Tod das höchstpersönliche Recht erlischt und an Umbenennungen in Leverkusen kein öffentliches Interesse besteht. In Köln hat die Carl-Duisberg-Gesellschaft ihren Sitz.

 

Meinung
Peter Jung, Oberbürgermeister der Stadt Wuppertal: „Stadt und Gymnasium sind sich der unterschiedlichen Facetten in der Persönlichkeit des Namensgebers der Schule bewusst. Das CDG setzt sich engagiert, differenziert und kritisch mit Carl Duisberg auseinander. Die biografische Aufarbeitung ist wichtiger Bestandteil des Schuljubiläums. Schon vor 25 Jahren wurde die mögliche Umbenennung offen diskutiert. 1986 hat die Schulkonferenz den Stadtrat gebeten, den Antrag der Grünen abzulehnen. Die Stadt Wuppertal erkennt auch nach heutigen Erkenntnissen zum Leben und Wirken von Carl Duisberg keinen Grund, sich dem Votum des Gymnasiums entgegen zu stellen. Eine Initiative muss stets von der Schule ausgehen.“

 

Weiße Weste mit Flecken
In der ersten Folge der „Wuppertaler Biografien“ hat Dr. Walter Dietz 1958 Carl Duisberg porträtiert und seine Verdienste um die chemische Industrie gewürdigt. Kein Wort von seiner aktiven Beteiligung an der Erforschung und Produktion von Giftgaswaffen. 27 Jahre später startete die Partei „Die Grünen“ eine Initiative zur Umbenennung des Carl-Duisberg-Gymnasiums, weil aus ihrer Sicht die Verfehlungen im Ersten Weltkrieg (1914-18) mit der Beteiligung am Tod von vielen Menschen seine Verdienste überwogen. Im Zusammenhang mit der Umbenennung der (Paul von) Lettow-Vorbeck-Straße in Vohwinkel und den Diskussionen um die Vergangenheit Eduard von der Heydts (Von-der-Heydt-Preis), vor allem aber zum 150-jährigen Jubiläum des Carl-Duisberg-Gymnasiums, wurde Carl Duisberg vom Verein zur Erforschung der sozialen Bewegungen im Wuppertal (www.wuppertaler-widerstand.de) wieder ins Blickfeld kritischer Betrachtungen gerückt.

 

Meinung
Dr. Wolfgang Diepenthal, pensionierter Lehrer am CDG: „Mit 26:10 stimmte die Schulkonferenz am 23. Oktober 1986 für den Schulnamen. 70 Prozent der Schüler votierten pro CDG. Die Begründung hat immer noch Gültigkeit: Wir wollen nichts kaschieren. Wir stehen zu der Wahrheit, die man über Carl Duisberg feststellen kann. Wir wollen uns mit ihm auseinander setzen und seinen Namen darum nicht aus der Geschichte der Schule und damit aus unserem Bewusstsein streichen.“

 

Persönliche Verantwortung
Im Herbst 1914 wurde vom preußischen Kriegsministerium eine Kommission ins Leben gerufen, die sich mit der Nutzung der giftigen Abfallstoffe in der Farbenindustrie für Kampfhandlungen beschäftigen sollte. Diese unterstand der Leitung von Carl Duisberg (Bayer) und Walter Nernst (Chemieprofessor an der Universität Berlin). Fritz Haber, Leiter der Chemieabteilung der Rohstoffbehörde im Kriegsministerium und ab 1912 Direktor des Kaiser Wilhelm-Instituts für physikalische Chemie und Elektrochemie in Berlin-Dahlem, schlug der Heeresleitung die Nutzung von Chlorgas für militärische Zwecke vor, wobei wissentlich gegen die Haager Landkriegsordnung verstoßen wurde, die den Einsatz von Giftgas verbietet. Carl Duisberg war bei den ersten Chlorgasversuchen auf dem Kölner Truppenübungsplatz Wahn persönlich anwesend. Der erste Einsatz von Chlorgas durch das deutsche Heer erfolgte im belgischen Ypern. Bei diesem Angriff gab es schätzungsweise rund 2.500 Gasverletzte und 800 bis 1.400 Tote. Insgesamt geht die Forschung von insgesamt 60.000 Toten des Gaskrieges aus, der von Deutschland begonnen wurde.
Die chemische Industrie arbeitete ständig an der „Optimierung“ des Einsatzes von Giftgas: Chlorgas wurde beispielsweise erst auf den Gegner geblasen, später dann mit Gasgranaten verschossen. Unter Duisbergs Leitung wurden bei Bayer weitere Kampfstoffe entwickelt: Phosgen, das giftiger war als Chlorgas und mit farbig markierten Geschossen verschossen wurde, und später Senfgas. „Blaukreuz“-Granaten enthielten ein Gas, das zu Erbrechen und Reizung der Atemwege führte, so dass die Soldaten ihre Gasmasken abnehmen mussten und dann das gleichzeitig abgeschossene tödliche Senf- oder Chlorgas einatmeten. Bayer-betriebsintern hat Carl Duisberg 1918 weitere Giftgas-Forschung untersagt.

 

Meinung
Gerd Scholz, 1985 SPD-Ratsfraktionsvorsitzender und Stadtverordneter: "Carl Duisberg kann aus unserer Sicht keinesfalls als Vorbild der Jugend von heute angesehen werden.“

 

Forschungsergebnisse
Neuere Forschung belegt eindeutig, dass Duisberg nicht nur als glühender Parteigänger des Kaisers und des deutschen Imperialismus handelte, sondern auch den ganz persönlichen Unternehmensgewinn im Blick hatte. Quellen aus dem Bayer-Archiv ergeben, das Duisberg nicht nur aus nationalem Interesse mit großer Eigeninitiative die Tauglichkeit der Giftgase für den Kriegseinsatz erforschen ließ, sondern besonders gerne auch seine eigenen Giftgase absetzen wollte, obwohl er wusste, das sie zu diesem Zeitpunkt nicht so mörderisch waren wie das in Ypern eingesetzte Chlorgas.
Insgesamt waren sich die Industriellen der Chemieindustrie sehr bewusst, das ohne ihre Munitions- und Giftgasproduktion der Erste Weltkrieg nach kurzer Zeit wegen Munitionsmangel hätte beendet werden müssen. Diese Macht nutzten Duisberg und Co. offensiv aus. Sie diktierten die Preise, riefen nach Arbeitskräften und Zwangsarbeitern und forcierten ein gigantisches Rüstungsprogramm.
Die Zwangsdeportation von rund 60.000 belgischen Zivilisten war keine Form einer Arbeitslosenpolitik des Kaiserreiches, sondern völkerrechtswidrig, sogar bei der Zivilverwaltung in Brüssel und dem zuständigen Zivilgouverneur sehr umstritten. "Öffnen Sie das große Menschenbassin Belgien", rief Carl Duisberg dem preußischen Kriegsminister im September 1916 zu. "Wir haben aus Polen Tausende von Arbeitern herausgeholt, aber aus Belgien nicht einen einzigen bekommen. Und die, die wir bekommen haben, sind weggelaufen, weil sie es in Belgien besser haben als bei uns." Duisberg hatte ein paar Monate vorher dafür plädiert, die Arbeitsmöglichkeiten und die Lebensmittel in Belgien zu rationieren, um die "Arbeitslust" der Belgier in Deutschland zu steigern. Als diese Maßnahmen nichts fruchteten, wurden die Meldeämter im besetzten Belgien angewiesen, Listen zu erstellen, wer als "arbeitslos" oder "arbeitsscheu" zur Zwangsarbeit nach Deutschland "abgeschoben" werden sollte. Zum Teil wurden die ausgesuchten Arbeiter in ihren Häusern überfallen und gewaltsam in Viehwaggons zur Zwangsarbeit nach Deutschland verfrachtet.

CDG-Interpretation
Für die Festschrift zum 150. Geburtstag des CDG formulierte der pensionierte Lehrer Rudi Kespe: Carl Duisberg ist nicht für sein Handeln verantwortlich, sondern nur „ein Kind seiner Zeit" oder ein „verführter Verführer“. In der Rückschau scheint er der Prototyp des genialen Industriellen und Forschers schlechthin gewesen zu sein." Duisberg war von den Zeitläufen geprägt, „ein Gestalter des wirtschaftlichen und politischen Lebens schuldhaft sich in die Zeit verstrickend". Dazu die Schulkonferenz 1986: Carl Duisberg ist Teil unserer Geschichte. Es wäre falsch, diese Geschichte zu verdrängen, sie muss uns zu bewusster und kritischer Bewältigung ständig herausfordern. Eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit einer Persönlichkeit der deutschen Geschichte, die in ihrer Zeit als vorbildlich galt, uns aber, die wir mehr wissen, entschieden problematischer erscheint, das ist unseres Erachtens pädagogisch fruchtbarer, als den Begriff gewordenen Namen der Schule auszuradieren."

 

Meinung
Silvia Schwarz, Direktorin des Carl-Duisberg-Gymnasiums: „Das CDG setzt sich aktiv, reflektiert und kritisch mit seiner Geschichte und der Person Carl Duisbergs auseinander. Wir halten auch in der Festschrift keine Verteidigungsrede. Die Umbenennung unseres Gymnasiums ist in der Schulgemeinde kein Thema. Nur wenige Menschen wollen einen Zug ins Rollen bringen, auf den wir nicht aufspringen.“

 

 

Chance für historisch-politische Bildungsarbeit
Eine nach 1967/8 und 1985/6 neuerliche Debatte um den Namen der Schule kann aus Sicht des Vereins zur Erforschung der sozialen Bewegungen im Wuppertal die inhaltliche Auseinandersetzung stärken. Die Beschäftigung mit der Person Carl Duisbergs kann insbesondere das Geschichtsbild über den Ersten Weltkrieg präzisieren. Es bietet sich ein Projektschwerpunkt zur Giftgasforschung und -produktion, aber auch zur Munitionsproduktion, an. Eine Untersuchung der „Kriegszielbewegung“ und des „Alldeutschen Verbandes“ ist auch im Hinblick auf die Durchsetzung eines völkischen Antisemitismus in der Weimarer Republik und auf die Konzeption der nazistischen Lebensraum-Ideologie ergiebig. Schließlich geht es nicht nur in der Schule um die moralische Verantwortung von Wissenschaftlern und Industriellen, und die Beschäftigung mit der Geschichte des Bayer-Konzerns und der IG Farben.

 

Meinung
Marc Schulz, Stadtverordneter Bündnis 90/Die Grünen: „Als ehemaliger Schüler habe ich die intensiven Debatten Anfang der 1990er Jahre miterleben dürfen und den Eindruck gewonnen, dass der interne, kritische Umgang mit dem Namensgeber durchaus belebend für das Schulklima war. Dabei hat die Schule niemals mit dem Handeln ihres ehemaligen Schülers Carl Duisberg sympathisiert.“

 

Sensibilisierung
In den vergangenen Jahren hat sich eine neue politische Sensibilität in der Wuppertaler Öffentlichkeit entwickelt, das zeigen die offenen Debatten um Eduard von der Heydt und Paul von Lettow-Vorbeck. Ausdruck dieser neuen Debattenkultur sind die Empfehlungen, die die vom Stadtrat einberufene „Kommission zur Kultur des Erinnerns“ 2008 erarbeitet hat: „Neubenennungen von Straßen und Plätzen erfolgen grundsätzlich nach Menschen, die sich in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur, Sport, auf sozialem oder sonstigem Gebiet Verdienste erworben haben. Wenn es sich um politische Persönlichkeiten handelt, ist ihre demokratische Gesinnung dafür Voraussetzung. Straßen oder Plätze werden nach gründlicher Aufarbeitung und Diskussion dann umbenannt, wenn der bisherige Namenspatron an Kriegsverbrechen oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit beteiligt war oder durch eine antisemitische, rassistische oder andere militant-totalitäre Haltung zu Volksverhetzung oder Gewaltbereitschaft beigetragen hat.“ Die Bündnis-Grünen wollen die Themen Namenspatron und Straßenname auf die Tagesordnung der Kommission setzen. Ziel ist nach Worten des Stadtverordneten Marc Schulz (Grüne) kein Ratsbeschluss gegen den Willen des Gymnasiums, sondern eine fundierte Auseinandersetzung und Diskussion um die Person Duisbergs durch wechselnde Schülerinnen und Schüler. Dazu dient die vor 25 Jahren entstandene und bis zur fertigen Sanierung des Gebäudes eingepackte Ausstellung mit ihren Bildungshilfen.
Klaus-Günther Conrads


Carl Duisberg lebte von 1861 bis 1935.
Foto: Sammlung Conrads

Gedenkstätte für Carl Duisberg im Leverkusener Carl-Duisberg-Park, der vis-a-vis vom sehenswerten Japanischen Garten liegt.
Foto: Conrads


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