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Ferdinand Thun & Heinrich Janssen

Drei miteinander eng verbundene Textilbetriebe in Wyomissing bei Reading im nordamerikanischen Staate Pennsylvania, die Textile Machine Works (Textilmaschinenfabrik), die Narrow Fabric Company (Gesellschaft für Schmalband) und die Berkshire Knitting Mills (Berkshire Strickereiwerk) gaben im Jahre 1936 eine gedruckte Geschichte der Industrien von Wyomissing heraus, ein Buch, das den schlichten Titel "Partners" trägt. Das Wort wird man mit "Teilhaber" übersetzen, aber es enthält mehr; das Buch stellt die Geschichte zweier Geschäftsfreunde dar, die einmütig 58 Jahre lang ihren Weg als Fabrikanten gingen, von kleinen Anfängen zu stolzer Höhe: Ferdinand Thun und Henry Janssen. Beide sind 1866 in Barmen geboren,  Thun am 14. Februar, Janssen am 8. Februar. Ihre Mitarbeiter legten ihnen das Buch zum 70. Geburtstag vor. Das Schicksal schenkte ihnen danach noch über ein Jahrzehnt rüstigen Alters; Janssen starb am 28. Januar 1948, Thun am 25. März 1949 mit 83 Jahren.

Ferdinand Thun und Henry Janssen – man betrachte die Bilder – zeigen jeder seine unverwechselbare Physiognomie. Denen, die ihnen im Leben nahestanden, waren sie jeder für sich von geprägter Eigenart. Doch sieht man von ihrer Jugend, von ihren privaten Neigungen, von ihrem Familienleben ab, so muß das Lebensbild von beiden zusammen gesehen, ihr Lebensweg ein eine Einheit geschildert werden.

Die Familie Thun – ihr Name dürfte als das plattdeutsche Wort für "Zaun" gedeutet werden – ist in Hiddinghausen nördlich von Wuppertal im 16. Jahrhundert schon nachgewiesen; sie wanderte danach in die Gegend von Schwelm. Anfang des 18. Jahrhunderts lebte sie auf der Bockmühle in Barmen. Reinhard Thun (1796-1836) war Besitzer einer Färberei. Sein Sohn Ferdinand (1830 bis 1911) wurde Gelbgießer; ihm und seiner Frau, Julie Westkott, wurde 1866 als älteste von vier Kindern der Sohn Ferdinand geboren. Die Vorfahren Westkott sind alle, bis zurück ins 15. Jahrhundert, auf  Westkotten im Wuppertaler Vorort Wichlinghausen zu suchen.

An der Ecke Heckinghauser Straße und Obere Sehlhofstraße stand das Elternhaus. Der Junge besuchte vom 9. Bis zum 16. Lebensjahr die Barmer Gewerbeschule und wäre wohl ein tüchtiger Kaufmann geworden. Da kam – 1886 – eine Anfrage von ausgewanderten Freunden aus Stony Creek Mills bei Reading (Pennsylvania) nach einem jungen Kaufmann. Ferdinand ging hinüber und arbeitete zwei Jahre als Korrespondent und Buchhalter in dieser Wollfabrik. Er kehrte zwar nach Barmen zurück, aber mit dem Vorsatz, seine Kenntnisse in der Barmer-Artikel-Fabrikation zu ergänzen, um dann wieder nach drüben zu fahren und die Vorteile auszunutzen, die der amerikanische Markt, wie er es gesehen, für Textilmaschinen bot. Er verwendete seinen Barmer Aufenthalt zu kaufmännischen und technischen Studien und ging 1889 wieder hinaus. In einer New Yorker Bandwirkerei nahm er zunächst Stellung an. Und hier wurde er durch einen Barmer Freund, Max Mittendorf, mit seinem gleichaltrigen Lebenspartner, Henry Janssen, bekannt gemacht.

Heinrich Janssens Elternhaus stand in Barmen an der unteren Westkotter Straße am Fuße des Fatloh-Berges. Sein Vater, Albert Janssen, als junger Mann vom Niederrhein nach Barmen zugewandert, war Buchdrucker und führte neben seinem Betrieb noch einen kleine Buchhandel. Mit seiner Frau, Helene geb. Brenner, aus dem Nassauischen gebürtig, hatte er sechs Kinder, von denen die überlebenden bedeutende Stellungen im öffentlichen Leben bekleideten, wie auch der Vater in Barmen als gemeinnützer Mann bekannt war. Mit 15 Jahren ging Heinrich in die Maschinenschlosserlehre, wo er zunächst landwirtschaftliche Maschinen umgehen lernte und in harter Schule zur Qualitätsarbeit erzogen wurde. Auf seine Geschicklichkeit vertrauend, machte er sich mit 22 Jahren auf die Reise nach den Vereinigten Staaten; sein einziger Besitz war in einem gediegenen handgefertigten Holzkoffer verpackt, den er auf der Schulter trug, als er in New York an Land ging. Einen Tag nach seiner Ankunft fand er bei einer Wirkwarenfabrik, der Castle Braid Company in Brooklyn, eine Stelle als Maschinist und wurde binnen Jahresfrist Leiter des Maschinenparks.

Als die jungen 25jährigen Männer sich kennen lernten, entdeckten sie an sich einiges Gemeinsame: gleiches alter, gleichen Heimatort, ähnlichen Jugendgang, die gleiche gutbürgerliche Erziehung, gleichlaufende Interessen auf dem Gebiet der Textilmaschinen. Aus der Interessengemeinschaft erwuchs eine ehrliche, herzliche Freundschaft und eine berufliche Zusammenarbeit, die erst der Tod nach 57 Jahren löste.

Einiger Monate bedurfte es, bis die Freunde sich über den einzuschlagenden Weg klar waren, auf dem sie ihr Glück zu machen hofften. Dann eröffneten sie in Reading im Staate Pennsylvania, Cedar Street 222, in einem gemieteten Gebäude ein kleine Werkstatt zur Herstellung von Flechtmaschinen. Der Zeitpunkt, an dem sie anfingen, war günstig, denn 1890 hatte die amerikanische Bundesregierung auf ausländische Maschinen einen Schutzzoll gelegt. Textile Machine Works, Thun & Janssen, so lautete die Firma. Das Fabrikationsgeschäft der unbekannten Hersteller begann zögernd; Reparaturaufträge mußten helfen. Aber beide vertrauten auf ihr jugendliche Arbeitskraft. Zu den Arbeitern ihres Betriebs hatte die Chefs sogleich ein herzliches, kameradschaftliches Verhältnis. Schon damals begann ihr Ruf als soziale Unternehmer, von denen gesagt werden konnte, daß ihre Stellung zur Belegschaft "beneidenswert friedlich und auf gegenseitiges Vertrauen gegründet war. Nach sechs Monaten kam der erste Auftrag für eine Flechtmaschine, noch nicht gleich überwältigend, was den Gewinn betrag, aber ermutigend. Es waren technisch und wirtschaftlich bewegte Jahre damals, als Henry Ford (1893) in Detroit eine kleine Werkstatt für Kraftwagen anfing, als die große Weltausstellung in Chicago ganz Amerika begeisterte. Sie entwickelten einige Sonderheiten, wie z. B. eine Maschine für Hosenträgerband, und allmählich ging es aufwärts. 1896 konnten sie den vier Jahre alten Betrieb nach Wyomissing verlegen. Hier, etwa 5 Kilometer westlich der Stadt Reading in der Grafschaft Berkshire (Pennsylvania) hatten sie fast unbegrenzt freies Feld für eine etwaige Vergrößerung. Die Wirtschaftslage, die Anfang der 1890er Jahre allgemein uneinheitlich war, besserte sich unter der Präsidentschaft von McKinley (1897) und weiter unter Theodore Roosevelt. Die "Textile" machte Erfindungen, nahm Patente, ihre Maschinen wurden gekauft, 1899 erhielt die Firma für Ihre Modelle einen wertvollen Preis auf der Nationalen Exportausstellung in Philadelphia. Auch die Elektroindustrie rief nach umsponnenen Kabeln – Arbeit für das Wirkgeschäft.

Der Aufstieg der Firma ging nun stetig weiter. 1900 hielt sie es für richtig, ebenfalls "Barmer Artikel" herzustellen und gründete dafür die Narrow Fabric Company, einen Betrieb, der sich in der Folge gut entwickelte. 1901 ging das Viktorianische Zeitalter zu Ende, die Damenmoden gingen neue Wege, der Strumpf trat seinen Siegeszug an. Textile Machine Works stellten  eine Strumpfwirkmaschinen her, die den modernen Anforderungen genügte. Hatte die Firma um die Jahrhundertwende 70 Arbeiter beschäftigt, so waren es 1903 schon 150, und nun dehnten sich Fabrikationsanlagen, kaufmännische Betriebe, soziale Einrichtungen in weit schnellerem Zeitmaß aus. 1906 wurde eine Strumpffabrik errichtet, die Berkshire Knitting Mills, in der mit den Maschinen der Textile Machine Works Damenstrümpfe hergestellt wurden, zuerst in Baumwolle, dann mehr und mehr in Seide und Kunstfaser. Eine Gießerei fertigte die benötigten Maschinenteile selbst und arbeitete ferner für gewinnbringende Lohnaufträge.

Im Außenbezirk von Reading, einer Industriestadt mit einem erkennbaren deutsche Bevölkerungsanteil, entwickelten sich nun die "Wyomissing Industrien". Hatten Textile Machine Works 1913 etwa hundert Maschinen jährlich gebaut, so waren es 1926 rund 1000. Nach außen wurden die Werke mehr und mehr durch ihre vorbildlichen modernen Werksanlagen sichtbar. Noch heute ist das Gelände durch seine städtebauliche und landschaftliche Gestaltung bemerkenswert.

Vom ersten Jahre an wurden gute Straßen gezogen, Kabel und Leitungen sogleich unsichtbar im Boden verlegt. Bäume wurden gepflanzt, die Gebäude dem Landschaftsbild angepaßt. Ärztliche Betreuung, Altersvorsorge, Erholung, Bildung und viele andere Zweige sozialen Wirkens wurden vorbildlich und oft in einer auch für amerikanische Verhältnisse großzügigen Weise aufgebaut. Die Belegschaft, die bis 1957 auf etwa 8500 Köpfe angewachsen war, ist eine Werksfamilie geworden, seien es die "Textilians", die "Berks" oder die NFC-Leute.

Die Teilhaber Thun und Janssen verstanden es bereits früh, tüchtige Mitarbeiter heranzuziehen, nicht zuletzt Söhne und Schwiegertöchter; sie wollten nicht alles allein machen. So behielten sie den Kopf frei für schöpferische Indeen und Zeit für ein herzliches Familienleben. Rudolf Herzog, mit Ferdinand Thun aus früher Jugend als Nachbarskind befreundet, hat in seinem Roman "Das große Heimweh", den er auf Grund einer Amerikareise 1912 schrieb, seinem Freund und seinem "echt deutschen" Familienleben, wenn auch unter dichterisch veränderten Namen und Daten, ein Denkmal gesetzt. Ferdinand Thun heiratete eine Deutschamerikanerin, Anna Grebe aus Stony Creek Mills; sie hatten sechs Kinder und 25 Enkel. Ein Familienbild zur Goldenen Hochzeit, das die Gatten 1946zusammen mit Kindern, Schwiegerkindern und Enkeln zeigt, insgesamt 34 Personen, ist der sprechenste Ausdruck für das herzliche Familienleben, das alle umschloß.

Henry Janssen hatte einen Sohn, der während des ersten Weltkrieges im Lager, wo er als Soldat ausgebildet wurde, an den Folgen der damals grassierenden Grippeepidemie starb, und zwei Töchter.

Es ist nicht leicht, bei allem, was die Partner an industriellen, sozialen und humanitären Einrichtungen ins Leben riefen, jeweils den schöpferischen Anteil des Einzelnen zu erkennen. Janssen war der vorwärtsdrängende, von technischen und wirtschaftlichen Ideen erfüllte Pionier, Thun der vorsichtig abwägende Kaufmann und sorgfältige Organisator. Aber steht gelang es ihnen, ihre in der Sache zuweilen abweichenden Ansichten freundschaftlich in Einklang zu bringen. Das Krankenhaus von Reading, dem ihre besondere Fürsorge galt, erhielt im Laufe der Jahre 4 Millionen Dollars auf den Mitteln der Firma, zu gleichen Teilen von beiden gestiftet. Museum und Kunstgalerie von Reading erfreuten sich ihrer teilnehmenden Förderung. Das Deutschtum in den Vereinigten Staaten zu pflegen, ohne politischen Nebenzweck, aber unter Betonung der kulturellen Beziehungen beider Nationen, war Ferdinand Thuns ständigen Bemühen. Zusammen mit Freunden gründete er 1930 die Carl Schurz Memorial Foundation zu Pflege der deutsch-amerikanischer Kulturbeziehungen, eine Einrichtung, die alle Angriffe während des Krieges 1939-1945 und nachher ohne Tadel überstanden hat. Seine Freizeit war ausgefüllt mit dem Lesen guter Literatur, und nicht nur dem führenden Deutschamerikaner, sonder auch dem hochgebildeten Mann konnte die Universität Heidelberg den Doktortitel honoris causa verleihen. Die gleiche Ehrung wurde Henry Janssen zuteil, auch ihm für die Förderung der deutsch-amerikanischen Beziehungen.

Beide Söhne Barmens haben ihre Wuppertaler Heimat nicht vergessen. Der erste Weltkrieg schon brachte sie in den seelischen Zwiespalt, mit der neuen Heimat gegen das Land ihrer Väter wirken zu müssen. Um so lieber haben sie in den Notzeiten der 20er und 30er Jahre soziale und wirtschaftliche Hilfe für ihre alte Heimat geleistet und ebenso nach 1945. Beraten und unterstützt von den Herren des Bankhauses Ahr, Krath & Co. In Wuppertal, haben sie durch vielfältige Kanäle ihre Nothilfe den Bedürftigen zugeleitet, in Geld, in Sachspenden, stets großzügig in ihren Entscheidungen und mit nachhaltiger Wirkung. So war es nur ein Akt schuldiger Dankbarkeit, daß Wuppertal sie äußerlich ehrte durch die Benennung einer Ferdinand-Thun-Straße und einer Heinrich-Janssen-Straße in Barmen.

Die monatliche Werkzeitschrift der Wyomissing-Industrien, "The Yarn Carrier" (Der Garnträger), hatte kurz hintereinander die traurige Pflicht, ihren verstorbenen Industrieführern ein Gedenkheft zu widmen. Zum Gedächtnis von Henry Janssen, der am 28. Januar 1948 starb, schrieb der Mitarbeiter unter ein Bild: "Er war ein stattlicher Mann, der immer aufrecht ging, aber niemals in Eile, gesegnet mit fester Gesundheit durch sein ganzes Leben – fürwahr ein Mann unter Männern. – er redete nicht gern öffentlich, aber im vertraulichen Kreise sprach er kernig, interessant und witzig. Jeder seine Freunde bewahrt im Gedächtnis eine besondere Begebenheit  von ihm, seine Lieblingssprüche, seine persönliche Herzlichkeit und tiefe Menschlichkeit".

Und von Ferdinand Thun, der am 25. März 1949 starb, heißt es unter einem Bild, das ihn mit der unvermeidlichen Zigarre zeigt. "Der Mann, der raucht wie ein Weiser und handelt wie ein Samariter. – Nachdenklichkeit war seine Gewohnheit und half ihm, immer etwas Edles zu tun, etwas Schönen zu verehren, etwas Begeisterndes zu erstreben und an etwas Göttliches zu glauben. Als Redner war er derselbe unbeirrbare Mann, der langsam, bedächtig, aber wirksam sprach. Man wird sich seiner erinnern als eines stattlichen Mannes mit behäbigen Bewegungen, mit einem unerschöpflichen Vorrat an Geduld und Wohlwollen. Nicht an ihm war auffällig, er war ruhig, freundschaftlich und einfach, aber mit dieser Einfachheit verband sich große Festigkeit".

Dr. Walter Dietz
Beitrag ergänzt durch Klaus Vollmer
"Wuppertaler Biographien" Folge 1 (Born-Verlag)